Stromexport auf Rekordniveau

Daniel Reissmann 20. Juli 2015 0


Deutscher Strom ist im Ausland begehrt, so legt es zumindest eine aktuelle Untersuchung des Think Tanks Agora Energiewende nahe. Laut dem Berliner Unternehmen lieferte Deutschland im ersten Halbjahr 2015 rund 25 Terrawattstunden ins Ausland, sechs TWh mehr als im gleichen Zeitraum 2014. Grund ist die hohe Produktion an erneuerbaren Strom, insbesondere bei der Windenergie die im ersten Halbjahr allein 40 TWh zum gesamten deutschen Stromverbrauch beisteuerte. Die Kohlekraft leidet indes unter dem immer stärker werdenden Preisdruck, versucht sich allerdings auch mit Stromexporten zu helfen.  Weiterhin sind es die erneuerbaren Energien, die auch beim Anteil an Deutschlands Stromverbrauch zulegen, mit 31,4 Prozent im ersten Halbjahr 2015 wurde wieder eine neue Rekordmarke erreicht.

© apops - Fotolia.com

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Börsenstrompreise weiterhin im Sinkflug

Der neue Exportrekord ins Ausland hört sich nur im ersten Moment nach einer guten Nachricht an. Denn Grund für den hohen Absatz ist der weiterhin extrem billige Börsenstrom aus Deutschland, der im europaweiten Vergleich mit den niedrigsten zählt. Im Mittel lag der Preis im ersten Halbjahr 2015 bei 3,02 Cent pro Kilowattstunde. Derart günstiger Strom ist auch im Ausland gefragt und Deutschland hat aktuell genug Überkapazitäten um große Mengen zu exportieren. Die negativen Konsequenzen treffen vor allem die konventionellen Kraftwerke, allen voran die Kohlekraft, die sich über einen derart niedrigen Börsenstrompreis nicht refinanzieren kann und daher auch exportiert. Daraus folgt, dass der deutsche Kohlestrom womöglich den sauberen Gasstrom im Ausland verdrängt und in Gänze zu einer schlechteren Klimabilanz führt.

Stromüberschüsse sind mittlerweile Normalität

„Vor allem die älteren Steinkohlekraftwerke geraten durch die stark gestiegene Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien zunehmend unter Druck und müssen ihre Produktion immer öfter drosseln. Sie suchen ihr Heil aber auch im verstärkten Export. […] Unglücklicherweise verdrängt der Kohlestrom-Export in unseren Nachbarländern vor allem Strom aus klimafreundlicheren Gaskraftwerken, so in den Niederlanden oder – über die Transitländer Österreich, Frankreich und Schweiz – auch in Italien“, so fasst Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende die verzwickte Situation zusammen. Durch die starke Produktion erneuerbarer Energie produziert Deutschland regelmäßig Stromüberschüsse, die zwangsläufig exportiert werden muss um die Netzstabilität zu gewährleisten. Für Gas- und Kohlekraftwerke hat sich daher ein enormer Refinanzierungsdruck entwickelt, den viele der insbesondere alten Meiler nicht mehr standhalten.

Große Versorger suchen nach neuen Optionen

Im Rahmen der Energiewende ist diese Entwicklung durchaus fördernd, führt sie doch langfristig dazu, dass insbesondere alte Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Allerdings ist der Prozess momentan nicht moderiert oder reglementiert, sodass Fehlentwicklungen nicht auszuschließen sind. Dazu arbeitet das Bundeswirtschaftsministerium aktuell an einer Lösung, einen gezielten Kohleausstieg zu organisieren. Bis dahin sind die Versorger auf sich allein gestellt. Bisher haben die meisten großen Produzenten ein und dieselbe Strategie: Abwarten. Keiner traut sich mit dem Abschalten alter Kohlemeiler zu beginnen, da die dann noch Netz bestehenden wieder rentabel werden könnten und man daher lieber wartet bis ein anderer anfängt. EON hat bereits angekündigt die konventionelle Sparte von der erneuerbaren Sparte zu trennen. Experten vermuten, dass das Unternehmen, welches die konventionelle Sparte übernehmen wird als Abwicklungsgesellschaft dient – eine sogenannte „Bad Bank“. Grundsätzlich ist ein permanenter Stromüberschuss nicht optimal, da Lösungen gefunden werden müssen diesen zu speichern oder anderweitig zu verteilen um das Netz stabil zu halten. Steigt Deutschlands Überproduktion weiterhin derart an, so könnte der Binnenaustausch mit den Nachbarn nicht mehr ausreichen die Überkapazitäten los zu werden, insbesondere falls der deutsche Strompreis wieder steigen sollte. Ein regulierter Kohleausstieg wäre daher ein erster guter Schritt zumindest die Produktion von Kohlestrom zu reduzieren.


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