Fracking – Fluch oder Segen?


LBEG erteilt Energieunternehmen Erlaubnis nach Öl zu bohren

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Experten zu Folge wird der weltweite Energiemarkt durch einen Angebotsschock infolge der boomenden Schiefergas- und Schieferöl-Industrie in den USA völlig neu geordnet. Schiefergas bzw. –öl ist vielen in Deutschland eher unter dem Begriff Fracking bekannt.

Fracking ist eine Methode zur Erdöl- bzw. Erdgasförderung, bei der in technische Tiefbohrungen eine chemikalische Flüssigkeit eingepresst wird, um im Reservoirgestein Risse zu erzeugen bzw. aufzuweiten. Dadurch wird die Gas- und Flüssigkeitsdurchlässigkeit der Gesteinsschicht erhöht und das Erdgas/Erdöl kann leichter zur Bohrung hin fließen. Vor allem in den USA wird diese umstrittene Schiefergas-Fördermethode im großen Stil angewandt und somit den nationalen Gasmarkt umgekrempelt. So sehr, dass der Gaspreis in wenigen Jahren um rd. 80 Prozent sank.

Politik und Industrie jubeln, die USA werden durch diesen Fracking-Förder-Boom wieder unabhängigen von ausländischen Ölimporten. Kritiker halten jedoch nichts von dieser  angeblichen Energierevolution, sie bezeichnen sie als Strohfeuer. Die Parallelen zum Immobilien-Boom sind für viele unübersehbar und die Blase droht schon bald zu platzen. Die Shalegas-Wende ist weder nachhaltig bzw. ökologisch noch ökonomisch.

Fracking in Europa

Die sinkenden Energiepreise in den USA sind auch in Good old Europe nicht unbemerkt geblieben, viele Unternehmen blicken neidisch auf die Wettbewerber in Nordamerika. Energie/Strom ist eine entscheidender Kostenfaktor bzw. Werttreiber, vor allem in energieintensiven Branchen.

Laut aktuellen Studien ist das Fracking-Potenzial in Europa nicht unerheblich. Den Berechnungen der Unternehmensberatung A.T. Kearney zufolge könnte nicht konventionelles Gas bis zum Jahr 2035 einen Anteil von ca. 45 Prozent an der europäischen Gasförderung ausmachen und zehn Prozent des europäischen Gesamtbedarfs decken. Sieben Prozent der weltweit erschließbaren Vorkommen befinden sich laut der Studie in Europa. A.T. Kearney geht davon aus, dass sich Fracking in den meisten Ländern Europas spätestens nach 2018 wirtschaftlich betreiben lässt, weil sich bis dahin die Bohrtechniken weiter verbessert hätten. In Zahlen ausgedrückt könnte Europa jährlich Energieimporte in Höhe von rd. 20 Mrd. Euro einsparen und bis 2035 rd. 255.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Auch die Politik bzw. EU hat das Fracking-Potenzial bereits für sich entdeckt, EU-Kommissar Günther Oettinger fordert den Abbau von Schiefergas in Deutschland und auch die schwarz-gelbe Bundesregierung will das Fracking zumindest in einzelnen Regionen testen. Neben der Politik fordert auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Förderung des Frackings in Deutschland bzw. Europa. Ohne einen entsprechenden gesetzlichen Rahmen seien der Industrie jedoch die Hände gebunden.

Neben zahlreiche Bürgern und Umweltverbänden werden auch die Stimmen aus der Wissenschaft immer lauter, die nicht an eine Schiefergas-Wende in Europa glauben. Die geologischen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Voraussetzungen in Europa sind andere als in den USA. Selbst in Polen, dem enthusiastischsten EU-Mitgliedsstaat in Sachen Fracking mit den angeblich besten Aussichten bei der Schiefergasförderung, stockt die große Schiefergas-Offensive. Zahlreiche Investoren und Schiefergasfirmen verlassen das Land, unter anderem auch der Großkonzern ExxonMobil. Marathon stellt seine Aktivitäten ein, Talisman Energy hat sich entschieden, seine Lizenzen wieder zu verkaufen, und es wird spekuliert, dass BNK Petroleum und Chevron sich ExxonMobil bald anschließen werden. Die Ursache ist relativ einfach, mit Fracking lässt sich in Europa einfach kein Geld verdienen.
Das Argument, eine nationale bzw. europaweite Schiefergasförderung würde die Energiepreise senken und die Industrie wettbewerbsfähiger gegenüber den Wettbewerbern aus Asien, Südamerika oder den USA machen, ist fragwürdig. Der Abbau in Europa ist stand heute bis zu drei Mal so teuer wie der in den Vereinigten Staaten. Zahlreiche Studien belegen, dass die Förderung in Europa keine relevanten Auswirkungen auf die Preise hätte. Zudem geraten die europäischen Gaspreise dank des Booms in den USA unter Druck und werden mittel- bis langfristig auch in Europa fallen. Gasproduzenten wie Gazprom und Statoil haben ihre Preise bereits angepasst. In einigen Fällen handelt es sich um eine Senkung von bis zu 20 Prozent. Dieser Trend wird sich verschärfen, auch ohne einen Fracking-Boom in Europa. Ferner wird sich die USA wird sich in den kommenden Jahren zu einem Flüssiggasxporteur verwandeln, dies hat Präsident Barack Obama kürzlich in einer öffentlichen Ansage verkündet. Erste Verträge zwischen Amerikanischen und Britischen Gasfirmen wurden bereits geschlossen.

Anstatt den USA beim Thema Schiefergas/Fracking blind nachzueifern, muss Europa auf die eigenen Stärken setzen. Deutschland und andere Industriestaaten in Europa sind in den Bereichen Effizienztechnologie und Erneuerbare Energien. Hier können wir Europäer unsere Stärken mit globalen Marktchancen verbinden.