Deutschland im internationalen Pressefokus – Agentur für Erneuerbare Energien analysiert die internationalen Pressemeldungen zur Energiewende

Daniel Reissmann 17. Dezember 2014 0


Als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt wird Deutschland auch von der internationalen Presse kritisch betrachtet. Vor allem, wenn es um solch enorme Projekte wie die Energiewende geht. Die Umstellung des Energiesystems von einem fossil – nuklearen zu einem regenerativen ist bei einer Nation wie Deutschland eine Mammutaufgabe. Gerade deshalb ist auch die ausländische Presse sehr stark an der Energiewende interessiert. Ein internationales Presse-Review der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) hat die Stimmen der ausländischen Medien zusammengetragen. Ist das Gros der Pressestimmen positiv oder negativ? Sieht man die deutsche Energiewende als vorbildhafte Transformation oder abschreckendes Beispiel? Mehr dazu in diesem Artikel.

© jonasginter - Fotolia.com

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Die Energiewende ist ein „Exportschlager“

Für die Bundesregierung ist die positive Außenwirkung der deutschen Energiewende wichtig wie auch unbestritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Energiewende in ihrer Regierungserklärung Anfang des Jahres beispielsweise einen „Exportschlager“. Wie verschiedene Studien nahe legen, ist die Energiewende in Deutschland tatsächlich ein Erfolgsmodell, zumindest aus der Außenperspektive. So nehmen viele Staaten Deutschland als Vorbild in den ambitionierten Zielen und der stringenten Umsetzung. Bisher haben weltweit rund 100 Staaten und Regionen das deutsche Modell der Einspeisevergütungen übernommen. Auch der Export boomt, so rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für das Jahr 2020 mit Exportumsätzen von mehr als 20 Milliarden Euro im Bereich „Erneuerbare-Energie-Technologie Made in Germany“.

Deutschland nimmt weltweite Vorreiterrolle ein

Das mediale Interesse an der Energiewende hat im Ausland vor allem nach dem Atomausstiegsbeschluss von 2011 enorm zugenommen. So betonen die ausländischen Pressestimmen regelmäßig, dass Deutschland eine internationale Vorreiterrolle in Sachen Energiewende einnehme. Beispielsweise zitiert das Presse-Review der AEE die New York Times, vom 13. September 2014 mit dem Satz: „Das Wort, welches die Deutschen für ihren Plan nutzen, beginnt sich auch anderswo durchzusetzen: Energiewende. Weltweit wird Deutschland von Umweltaktivisten als Modell hochgehalten, als Beweis dafür, dass die Transformation des globalen Energiesystems möglich ist.“, was einer Lobesrede auf Deutschlands energiewirtschaftliche Anstrengungen gleichkommt. Umso erstaunlicher ist, dass in der New York Times rund 4 Monate zuvor, am 1. Mai 2014, ein ganz anderer Wortlaut gewählt wurde: „Nur Deutschland erlag der Panik nach der Fukushima-Katastrophe und begann, die gesamte Kernkraft zugunsten riesiger Investitionen in Erneuerbare Energien wie Sonne und Wind auslaufen zu lassen“. Laut AEE ist für diese Art der offen kritischen Berichterstattung allerdings eine grundlegend negativ belastete Anfangsgeschichte essentiell, in diesem Fall der plötzliche Atomausstieg. Dieser wird in der ausländischen Presse gern als abrupt bezeichnet, teils als panikhaft. Allerdings ist ein abrupter Wechsel in der Energiepolitik nicht symptomatisch für die deutsche Energiewende. Eher im Gegenteil, bereits seit den 1980er wird eine Energiewende als Umstieg von fossilen und nuklearen Energieträgern auf erneuerbare Energieträger diskutiert und seit Anfang der 1990er zielgerichtet, aber kontrolliert, umgesetzt. Auch der deutsche Atomausstieg basiert auf einer längeren Geschichte und wurde keineswegs von „Heute auf Morgen“ umgesetzt. Die Vereinbarung sich nach und nach von der Atomenergie zu trennen, ist schon im Jahr 2000 beschlossen wurden.

Zunahme von Treibhausgasemissionen bei gleichzeitiger Energiewende

Weiterhin legt die AEE in ihrem Review offen, dass international auch durchaus die blanken Zahlen kritisch diskutiert werden, ohne dass dabei polemisiert oder in Lobeshymnen verfallen wird. So schrieb die französische Zeitung „Le Point“ am 21. Mai 2013: „Um die sofortige Schließung von acht Atomreaktoren auszugleichen, musste Deutschland tatsächlich die Stromproduktion seiner 130 Kohlekraftwerke steigern. Folge: Die Kohlendioxidemissionen sind zwischen 2011 und 2012 bei unserem Nachbarn um 4 Prozent gestiegen.“, was durchaus der Wahrheit entspricht. Allerdings ist die Begründung nur auf den ersten Blick korrekt. Laut AEE, sind die Zusammenhänge die zur Steigung der Kohlenstoffdioxid-Emissionen geführt haben, wesentlich komplexer.  Durch verschiedene zusammenhängende Effekte sind die Kohlenstoffdioxidemissionen bilanziell gestiegen. Durch einen Überschuss an Kohlestrom exportierten viele Kraftwerksbetreiber den Strom in die Nachbarländer. Gleichzeitig wurden die Gaskraftwerke herunter gefahren, da die sehr billigen Emissionszertifikate den teuren Betrieb der Gaskraftwerke nicht ausgleichen konnte, was deren Rentabilität senkte. Der sehr hohe Anteil an erneuerbaren Energien, vor allem Photovoltaikstrom, ließen zudem den Börsenpreis sinken, was Gaskraftwerke noch unrentabler für die Betreiber machte. Letztlich sind die steigenden Kohlenstoffdioxidemissionen seit 2011 das Ergebnis aus einer Mischung von sinkenden Großhandelspreisen, zu geringen Zertifikatspreisen für Kohlenstoffdioxidemissionen und der Entscheidung der Betreiber Kohlestrom zu exportieren und die Gaskraftwerke herunter zu fahren. Die einfache Begründung der Zeitung „Le Point“ ist zu kurz gedacht. Letztlich gibt es gar keine Lücke die gestopft werden müsste, sondern es existieren sogar Überschüsse.

Negativer Einfluss der erneuerbaren Energien auf den Strompreis?

„Europas größtes Land und größte Volkswirtschaft ist mit einer Krise konfrontiert. Das Durcheinander im Energiebereich sorgt dafür, dass die Zukunft der vielgepriesenen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ernsthaft gefährdet ist. […] Die Energiepreise sind 40 Prozent höher als in Frankreich und den Niederlanden, und die Rechnungen 15 Prozent höher als im EU-Durchschnitt.“, zitiert der Review des AEE den britischen „The Daily Telegraph“ vom 16. Januar 2014. Derartige Kritik ist auch in der deutschen Presselandschaft oft aufgetaucht. Auch die ausländischen Pressestimmen lassen bei der Steigerung des Strompreises gern außen vor, dass neben der EEG-Umlage auch Preisbestandteile wie Steuern, Abgaben und Netzentgelte einen Einfluss auf den steigenden Preis hatten. Nicht zuletzt haben sich auch die Kosten für fossile Brennstoffe erhöht. Eigentlich haben die erneuerbaren Energien sogar zu einer Preissenkung an den Großhandelsmärkten beigetragen, wobei dies nicht an die Haushaltskunden weitergegeben worden. In Deutschland profitiert dagegen die energieintensive Industrie von sehr geringen Strompreisen, wie es sie in kaum einem anderen europäischen Land gibt. Letztlich zeigt der Review des AEE, die Vielseitigkeit der internationalen Pressestimmen, welche dem deutschen Medienecho sehr ähnlich ist. Der Leser sollte auch bei der Lektüre internationaler Medien immer seine Objektivität bewahren und verschiedene Artikel vergleichen, so zeigt sich vielleicht sogar wie widersprüchlich dasselbe Medium teils über die gleichen Themen berichtet.


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