Der kaum beachtete Gigant: Die Wasserkraft

Daniel Reissmann 29. Dezember 2015 0


Bereits vor mehreren hundert Jahren machte sich die Menschheit die Wasserkraft zu Nutze. Insbesondere zu Zeiten der industriellen Revolution dienten Wasserräder als Antriebsquelle für verschiedene Produktionsprozesse und leisteten damit einen erheblichen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung. Heute wird die Wasserkraft nur noch selten erwähnt. Insbesondere im Kontext der deutschen Energiewende entsteht schnell der Eindruck, die Wasserkraft spiele überhaupt keine Rolle. Windkraft, Solarenergie und teilweise Bioenergie bestimmen die Diskussionen. Doch warum eigentlich? Könnte die Wasserkraft nicht einen entscheidenden Beitrag zum Gelingen der Energiewende leisten?

© jonasginter - Fotolia.com

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Gute Voraussetzungen als Flexibilitätsoption

Die Wasserkraft bringt einige Voraussetzungen mit, die sie vor allem als Flankierung der beiden fluktuierenden Energieträger Wind- und Solarenergie sehr interessant macht. Denn Wasserkraft ist grundlastfähig. Das bedeutet, dass sie nachfragegerecht eingesetzt werden kann. Wind- und Solarenergie dagegen sind immer von den jeweiligen Wetterbedingungen abhängig. Insbesondere im Gebirge kann die Wasserkraft zielgerichtet eingesetzt werden, da dort meist Gebirgsflüsse existieren an denen entsprechende Anlagen installiert werden können. Die Wasserkraft könnte daher einen wichtigen Beitrag zur Lösung eines der zentralen Probleme der Energiewende leisten: Die Gewährung einer flächendeckenden Versorgungssicherheit.

Andere Länder machen es vor

Was die Nutzung der Wasserkraft angeht, so steht Deutschland im europaweiten Vergleich auf den hinteren Plätzen. Gerade einmal 4,4 Prozent der Stromerzeugung erfolgten im Jahr 2013 hierzulande durch die Wasserkraft. In unseren deutschsprachigen Nachbarstaaten sieht es dagegen ganz anders aus. In der Schweiz nimmt die Wasserkraft einen Anteil von etwa 52,2 Prozent an der Stromerzeugung ein, in Österreich sind es sogar 56,6 Prozent. In Absolutzahlen dominiert Schweden, dessen Stromerzeugung durch Wasserkraft mehr als 20 Prozent (66 Terrawattstunden) der in der gesamten EU erzeugten Wasserkraft ausmacht. Nun kann man argumentieren, dass diese Länder andere topografische voraussetzen mitbringen, die einer Nutzung der Wasserkraft entgegen kommen. Dies ist auch durchaus richtig, wobei auch Deutschland ein hohes Potential zur Nutzung des Energieträgers ausweist und davon aktuell nur einen Bruchteil wirklich einsetzt. Warum ist das nun so?

Naturschützer lehnen Wasserkraft ab

Insbesondere die Naturschutz- und Fischereiverbände machen es der Wasserkraft schwer. Auch wenn die Erzeugung selbst als ökologisch angesehen wird, so sind die Errichtung und der Betrieb von Wasserkraftanlagen oft mit erheblichen Eingriffen in die Natur und das Landschaftsbild verbunden. So können Lebewesen in den Gewässern bei ihren natürlichen Wanderungen behindert werden oder werden durch die Turbine eingezogen. Zudem schwankt der Grundwasserspiegel zwischen Unterlauf und Aufstauung teils erheblich, was zu schweren Schäden für dortige Ökosysteme führen kann. Durch den 2014 auf dem Weg gebrachten Ökologiebonus im EEG, konnten bereits einige schädliche ökologische Nebeneffekte Berücksichtigung finden, so etwa durch einen Bonus beim ökologischen Umbau der Anlagen durch Umleitungsrinnen. Trotzdem hält sich die Kritik der Verbände weiterhin hartnäckig.

Kritik der Verbände zu einseitig

Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group, hält die Kritik der Verbände für zu einseitig. In einem Interview mit dem Magazin der Kleinwasserkraft Österreich behauptet Fell, dass die Verbände ungenügend zwischen lokalen Naturschutzbelangen und dem globalen Klimaschutz abwägen. So hält Fell einen Artenschutz für Wasserlebewesen und einen ökologischen Gewässerschutz nur für machbar, wenn auch ein erfolgreicher Klimaschutz umgesetzt werde. Denn falls die Wasserkraft zu Gunsten des Naturschutzes ins Hintertreffen gerate, so müsse auch weiterhin auf fossile und atomare Energieträger zurückgegriffen werden. Und diese haben, bekanntermaßen, einen weitaus negativeren Effekt auf die Ökosysteme.

Ungenutzte Kapazitäten

In Deutschland liegt das technische Potential laut einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Bau, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) aus dem Jahr 2011 bei 33,2 bis 42,1 Terrawattstunden jährlich. Trotzdem stockt der Ausbau, auch wegen ökonomischer Schwierigkeiten zur Fortführung der Anlagen für die Betreiber aufgrund fehlender Anreize. Dass man mit der Wasserkraft, insbesondere in Gebirgsregionen, einiges erreichen kann, zeigen die Beispiele der österreichischen Bundesländer Burgenland und Niederösterreich. Diese haben beinahe eine 100 prozentige erneuerbare Stromversorgung erreicht und dies nicht zuletzt durch die Nutzung der Wasserkraft.


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