Belastungsprobe für Netze im Norden

Daniel Reissmann 17. August 2015 0


Über Jahre hinweg versorgte sich das Bundesland Schleswig-Holstein vorrangig mittels Atomenergie. Drei Kraftwerke, Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel sorgten dafür, dass im Norden genügend Strom zur Verfügung stand. Heute ist nur noch das Kraftwerk in Brokdorf aktiv, die anderen zwei KKWs sind bereits im Zuge des Atomausstiegs abgeschaltet wurden. Auch Brokdorf soll bis spätestens 31. Dezember 2021 abgeschaltet werden. Wie die Lücken, die die fehlenden Kraftwerke hinterlassen, gefüllt werden können ist in Schleswig-Holstein weitgehend klar. Die Windkraft wird es richten, denn die Küstenlage des Landes ist für Offshore-Windenergie prädestiniert. Aktuell steuert die Windenergie bereits 25,5 Prozent der Gesamtstromerzeugung in Schleswig-Holstein bei. Und der Anteil wird voraussichtlich weiter wachsen, insbesondere dann, wenn Brokdorf, das immerhin noch 42,5 Prozent des Stroms beisteuert, auch vom Netz geht. Ein hoher Anteil an Windenergie bringt allerdings auch negative Konsequenzen mit sich, denn die Netzstabilität kann unter den fluktuierenden Energien sehr stark leiden.

© Thorsten Schier - Fotolia.com

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Netzbetreiber müssen teils Kraftwerke vom Netz nehmen

Allein im Mai dieses Jahres mussten die Umspannwerke in Schleswig-Holstein rund 50.000 Mal die Leistung reduzieren. Die Netzbetreiber waren durch den Überschuss an Windstrom gezwungen einige der Anlagen vom Netz zu nehmen. Laut Mitteilung des Hochspannungsnetzbetreibers Tennet musste dieser allein 220 Gigawattstunden abregeln, um die Netzstabilität nicht zu gefährden. Mit Sicherheit ist diese Situation nicht sehr vorteilhaft, denn immerhin geht dadurch eine Menge Strom verloren. Zentrales Problem ist, dass der Netzausbau mit dem Ausbau der Anlagen nicht mithalten kann. Im Norden ist die Lage besonders heikel, denn Offshore-Windparks sprießen aktuell wie Pilze aus dem Boden. Der Netzausbau dagegen stockt, was dazu führt das nur durch Abregelung von Kraftwerken ein Zusammenbruch der Stromversorgung verhindert werden kann.

Langfristig muss das Übertragungsnetz die Strommengen bewältigen können

Ein Dauerzustand ist die jetzige Situation nicht, denn wieder die Betreiber noch die Volkswirtschaft insgesamt kann es sich leisten permanent Anlagen herunterzufahren oder die Versorgungssicherheit in Gefahr zu bringen. Laut örtlichen Betreiber ist ein Großteil der bisherigen Abregelungen darauf zurückzuführen, dass der Übergang ins Übertragungsnetz nach Süddeutschland nicht einwandfrei funktioniert beziehungsweise noch kein Netz gebaut ist. Die großen Übertragungsnetze, die den nördlichen Windstrom in den Süden transportieren sollen, sind ein umstrittenes Vorhaben. Die Sinnhaftigkeit der Netze stellt einerseits keiner in Frage, doch andererseits will kaum ein Bundesland, dass die neuen Leitungen durch das eigene Gebiet gebaut werden. „Der rasche Ausbau unseres Stromübertragungsnetzes hat mit dem zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien und dem näher rückenden endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie an Dringlichkeit weiter zugenommen“, appelliert beispielsweise Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, die den Gesamtausbau durch den Netzentwicklungsplan federführend koordiniert.

Kosten der Abregelung sind massiv gestiegen

Bisher ist ein rascher Ausbau des Übertragungsnetzes allerdings nicht erkennbar. Während die Westleitung gerade erst am Anfang des Baus steht ist mit der Ostleitung noch nicht einmal begonnen wurden. Und die Kosten der Abregelung steigen. Tennet hat 2013 beispielsweise noch rund 25 Millionen Eurodafür berechnet, 2014 waren es bereits etwa 50 Millionen Euro. Umgelegt werden diese Kosten zumeist auf die Netzentgelte, denn immerhin ist das Abregeln eine Dienstleistung zur Sicherung der Versorgung mit Strom. „Wir glauben nicht, dass mittelfristig die Abregelungen bei Null liegen werden“, so ein Unternehmenssprecher des Quickborner Unternehmens Hansewerk, welches für die Mittel- und Niederspannungsnetze in Schleswig-Holstein zuständig ist. Diese Aussage verwundert kaum, da es ohne ein ausreichend leistungsfähiges Netz keine Versorgungssicherheit ohne Abregelungen geben kann. Höchstens Speicher wären eine weitere Option, diese flächendeckend auszubauen wäre allerdings ein ähnliches schwieriges Vorhaben wie der derzeitige Netzausbau. Experten gehen davon aus, dass das Netz erst ab dem kommenden Jahrzehnt leistungsfähig genug sein wird. Bis dahin werden die Abregelungen wohl eher Regel als Seltenheit und werden und für milliardenschwere Zusatzkosten sorgen.


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