Aktuelles: Die Energiewende in „kritischer Phase“?

Daniel Reissmann 14. April 2015 0


Zur Eröffnung der diesjährigen Hannover Messe sorgte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für einiges Aufhorchen als sie meinte, die deutsche Energiewende befinde sich aktuell „in einer kritischen Phase“. In der Tat war und ist die Energiewende Deutschlands größtes und schwierigstes Projekt. Noch lang sind nicht alle Fehler und Widrigkeiten ausgemerzt, was entsprechend viele Problemfelder nach sich zieht. Diese Jahr steht die Hannover Messe, die weltweit bedeutendste Industriemesse, unter dem Motto „Get new technology first“. Auch die künftige Energieversorgung spielt eine ausschlagende Rolle beim Thema „neue Technologien“. Hier lässt sich die Intention der Kanzlerin zu ihrer Eröffnungsrede erkennen, denn “Ohne berechenbare Energieversorgung keine Zukunft der Industrie” appellierte die CDU-Vorsitzende.

© jonasginter - Fotolia.com

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Energiewende bleibt Deutschlands Generationenprojekt

Viele Menschen verbinden mit dem Begriff „Energiewende“ vor allem die erneuerbaren Energieträger und die Umgestaltung der Energieversorgung auf eben diese. Doch der gesamte Prozess der Transformation des Energiesystems umfasst wesentlich mehr als eine bloße Technologiewende. Schon in den 1970er Jahren begann in Deutschland ein gesellschaftliches Umdenken, weshalb diese Zeit heute als Beginn der Energiewende bezeichnet wird. Die verstärkte Wahrnehmung von Umweltverschmutzung und das größer werdende Bewusstsein, dass die fossilen Energieträger endlich sind, führten zu einem Umbruch. Daraus resultierend begann auch die Wissenschaft damit, sich immer stärker mit der Energieversorgung auseinanderzusetzen. Es entstanden sowohl soziale, wirtschaftliche als auch technologische Neuheiten auf dem Gebiet. Mit der Rio Konferenz Anfang der 1990er Jahre und dem 1997 verabschiedeten Kyoto-Protokoll verpflichtete sich letztlich auch zunehmend die Politik dazu, dass Energiesystem zu transformieren.

Von der Randerscheinung zum Top-Thema

Als 1998 der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), umgangssprachlich Weltklimarat genannt, gegründet wurde, wurde die Energie,- Umwelt- und Klimaforschung von einer Randerscheinung der Wissenschaft zum Top-Thema. Mit den regelmäßig erscheinenden Sachstandberichten, in denen besonders die anthropogen induzierte Klimaänderung fokussiert wird, sorgt der IPCC regelmäßig für wissenschaftlichen Input und erhöht die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu den Themen Klimawandel, Nachhaltigkeit aber auch Technologie- und Energiewende. Schon über mehrere Dekaden geht die Energiewende von Statten. War die Thematik früher eher das Thema einiger Interessierter, ist die Energiewende heute in der öffentlichen Wahrnehmung stärker verankert denn je.  Vor allem durch Gesetzesänderungen manifestierte sich die Energiewende auch zunehmend beim Verbraucher, denn dadurch waren auch die Bürger erstmals direkt betroffen.

Politische Initialzündung durch das Stromeinspeisungsgesetz

In Deutschland begann mit dem Beschluss des Stromeinspeisungsgesetzes von 1990 die politische Energiewende. Unter der rot-grünen Bundesregierung erfuhr die Energiewende eine Beschleunigung, unter anderem durch den ersten Atomausstieg und die Einführung der Ökosteuer auf Energieverbräuche. Als der Atomausstieg im Kabinett Merkel II vorerst wieder nach hinten verschoben wurde, vermuteten nicht wenige Beobachter, dass die Energiewende durch die konservative Regierung ausgebremst werde. Mit dem zweiten Atomausstieg, als Konsequenz aus der Reaktorkatastrophe von Fukushima, wurde allerdings wiederholt beschlossen die letzten Atommeiler bis 2022 abzuschalten.

Konsens über die Energiewende

Die Ereignisse in der langjährigen Geschichte der Energiewende haben dazu geführt, dass heute weitgehend alle führenden politischen Parteien für das gesellschaftliche Großprojekt sind. Eine Frage ist allerdings weiterhin ungeklärt und zwar, wie eine erfolgreiche Umsetzung aussehen soll? Es gibt verschiedene Strategie- und Maßnahmenpapiere, Gesetzesentwürfe, wissenschaftliche Diskussionsbeiträge, Publikationen, Modelle und Prognosen die sich mit dieser Frage beschäftigen und versuchen eine oder mehrere Lösungswege zu präsentieren. Doch die Umgestaltung des Energiesystems bleibt eine Mammutaufgabe, die in ihrer Komplexität mit kaum einer anderen gesellschaftlichen Problematik verglichen werden kann. An der dieser Stelle gelangt man wieder zum Appell Merkels auf der Hannover Messe. “Wir sind im Augenblick in einer kritischen Phase, in der der Anteil der erneuerbaren Energien aus der Nische heraus zur Hauptsäule unserer Energieversorgung geworden ist”, so die Kanzlerin. Gerade in Zukunft stehen noch viele wichtige Entscheidungen bevor. Bereits 2016 wird eine neue EEG-Reform wieder einen Umbruch herbeiführen. Natürlich hoffen alle, dass die Marktinstrumente funktionieren werden. Sicher kann man sich allerdings nicht sein, wie schon vergangene Novellen gezeigt haben. Zuvor, im Juni dieses Jahres, will die große Koalition zudem über den künftigen Mix der Energieträger und den Ausbau des Stromnetzes entscheiden.


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